Noch einmal Ausbildung in Botoşani und Neamţ
Der Abschluss der Feldarbeiten des Projektes „Siedlungs- und Landschaftsarchäologie des Spätneolithikums und der Kupferzeit in Ostrumänien“ führte ein Team von vier Studierenden der Archäologischen Wissenschaften der FAU unter der Leitung von Dr. C. Mischka auch diesen März noch einmal in den Nordosten Rumäniens. Die Studierenden führten dort geomagnetische Prospektionen und Drohnenmodellierungen durch. Hauptsächlich ging es wieder um Siedlungen der jungneolithischen und kupferzeitlichen Precucuteni- und Cucuteni-Kultur (ca. 4800-3500 v.Chr.), allerdings lockerte z.B. auch ein neuzeitlicher Friedhof die Spektren von Zeitstellung und Befundgattung etwas auf. Die erste Hälfte der Maßnahme fand in Zusammenarbeit mit dem Historischen Museum des Landkreises Botoşani (vertreten durch Dr. Adela Kovács) statt, während der zweite Teil unsere Kooperation mit dem Nationale Museumskomplex (CMNN) in Piatra Neamţ (vertreten durch Dr. Constantin Preoteasa) fortführte.

Eine Siedlung wächst weiter
In der ersten Woche wurde zunächst die seit Sommer 2024 laufende Untersuchung des Fundplatzes Văculeşti „La Prisăca“ weiter fortgeführt. Leider war ein Großteil der noch nicht begangenen Fläche bereits gepflügt – der Klimawandel sorgt auch in Rumänien für einen deutlich früheren Start der Feldbearbeitung. Allerdings waren auch die noch verbliebenen Flächen noch ziemlich groß, so dass es neben der grundlegenden Ausbildung der Anfänger auch genug Gelegenheit gab, die Arbeit mit dem hinter einem Fahrzeug gezogenen Messgerät zu optimieren: Bis zu 350 m waren die Bahnen lang!
Lohn dieser Arbeiten war die Erkenntnis, dass die „Megasite“ von Văculeşti „La Prisăca“ nicht nur komplexer, sondern auch noch deutlich größer war, als ohnehin schon angenommen. Ein bisher als äußerste Begrenzung angenommener Graben ist wohl doch nur die Grenze einer früheren Phase der Siedlung. An diese schließt sich noch – nun klar nachweisbar – eine Erweiterung an. Durch diese „wächst“ die Siedlung auf eine Größe von beinahe 60 ha an.








Eine Insel im Sumpf – und eine neu belebte Kooperation
Nach dem vorläufigen Abschluss der Arbeiten in Văculeşti wandte sich das Team der Cucuteni A/B-Siedlung Cotârgaci „Cotu Popii“ zu. Auch diese liegt im Tal der Sitna und damit in einem unserer zentralen Projektgebiete. Allerdings handelt es sich bei diesem Fundplatz um einen ganz besonderen Vertreter seiner Art: Er liegt nicht etwa, wie fast alle bekannten Cucuteni-Siedlungen auf der Terrassenhochfläche über dem Flusstal, sondern auf einer kleinen Halbinsel in der Aue, nur wenige Meter über dem Fluss, umgeben von Sumpf und Schilf.
Bei der Prospektion von Cotârgaci wurden unsere Studierenden von einem Team der Universität „Ștefan cel Mare“ in Suceava, geleitet von Dr. Zorin Ignatescu, unterstützt. Mit diesem arbeitete die UFG-FAU bereits 2016-2017 bei der Untersuchung des Fundplatzes „Părhăuţi „Muncel“ im Kreis Suceava zusammen. Dieses Mal galt es, die Kollegen in ihr neu angeschafftes DGPS- und Geomagnetikgerät einzuarbeiten. Dem mittlerweile schon perfekt eingespielten Erlanger Team gelang dies schnell, was die Bedeutung eines hohen Ausbildungsstandards unterstreicht.
Mit zwei Geräten im Einsatz gelang es in nur zwei Arbeitstagen, den Fundplatz nahezu komplett zu begehen. Nur ein kleinerer, gepflügter Teil blieb unbearbeitet. Es ergab sich das Bild einer durch ein doppeltes Erdwerk gesicherten, ca. 3-4 ha großen Siedlung aus über 40 Häusern. Von einer kleinen, untypischen Siedlung, vielleicht zu speziellen Aufgaben in Flussnähe angelegt, kann also keine Rede sein. Vielmehr haben wir es mit einer der wenigen Siedlungen zu tun, die sich halt nicht an die von uns aufgestellten Regeln halten. Vielleicht sollten wir ja in Zukunft mehr auf die Flussauen achten?









Fokuswechsel – Weiter im Kreis Neamţ
Für die zweite Hälfte der Maßnahme reiste das Team weiter nach Piatra Neamţ. Dort galt es nicht, ein oder zwei große Fundplätze zu prospektieren. Stattdessen waren die Aufgaben für die Studierenden hier vielfältiger: Neben geomagnetischer Prospektion verschiedener kleinerer Fundplätze stand auch noch Fundbearbeitung auf dem Programm.
Mal wieder an der Autobahn. Und keinen Deut klüger!
Die Bandbreite der prospektierten Plätze war – typisch für die kleinteilig strukturierte Landschaft in den Subkarpaten – vielfältig. In Vânători Neamţ „Dealul Osoi“ konnte die Begehung des 2024 noch provisorisch als „Autostrada“ benannten Fundplatzes abgeschlossen werden. Obwohl die begangene Fläche klein war, ist der methodische Wissenszuwachs groß: Auf den 2024 prospektierten Flächen zeigten sich damals keine sichtbaren Befunde. Trotzdem fanden sich beim momentan anlaufenden Autobahnbau Reste von zwei bis drei Cucuteni-Häusern. Von diesen waren nur noch die Pfostengruben erhalten, die sich allerdings – anders als bei zahlreichen anderen Fundplätzen – in der Magnetik nicht abzeichneten. Interessanterweise fanden sich jedoch in der dieses Mal prospektierten Fläche, direkt an die Grabungsfläche angrenzend, noch Spuren von Pfosten und Fundamentgräben eines Gebäudes, dass in der Ausgrabung unbemerkt blieb. Hier besteht definitiv einiger methodischer Erklärungsbedarf.


Der Tell von Izvoare: Rückkehr nach 12 Jahren!
Der Fundplatz von Izvoare „La Izvoare“ gilt als einere der wenigen Tells, d.h.mehrschichtigen Fundplätze der Precucuteni- und Cucuteni-Kultur. Damit stellt er eine der wichtigsten Leitstratigraphien dieser Zeit und Region dar. Bereits in unserer ersten Kampagne im Frühjahr 2015 konnte der noch nicht ergrabene Kernbereich der Siedlung prospektiert werden. Seitdem war jedes Jahr geplant, auch das nähere Umfeld des Fundplatzes zu untersuchen. Erst dieses Frühjahr erlaubten allerdings Wetter und Bearbeitungsstand der Felder diese Begehung. Mehrere Hektar Umland wurden geomagnetisch prospektiert. Dazu fertigten die Studierenden per Drohne und SfM ein neues, deutlich größeres und genaueres Geländemodell des gesamten Areals an. Das Ergebnis war allerdings ernüchternd: Zwar zeigten sich fast überall im Messbild Anomalien, nach deren Aussehen und der an der Oberfläche gefundenen Keramik gehöhren diese allerdings zu einer extensiven Besiedlung des Areals in der Bronzezeit und der Völkerwanderungszeit. Im Geländemodell ist wiederum zu erkennen, das das unmittelbar an den Tell angrenzende Gebiet – ursprünglich ein kleinerer Terrassensporn – vollständig von einem modernen Wasserreservoir zerstört wurde. Demnach bleibt festzuhalten: Der archäologische Fundplatz von Izvoare ist nun erwiesenerweise weit größer, als bisher angenommen. Die Cucuteni-Siedlung von Izvoare ist allerdings bis auf die 2015 bereits untersuchten zwei kleinen Felder zerstört.



Erosion auch im Hinterland
Am Rand der Cracău-Bistriţa-Senke, in der Nähe der leztes Frühjahr in Costişa begangenen Fundplätze, wurde die Cucuteni Siedlung von Podoleni-Negriteşti „Movila Flocoasa“ untersucht. Eigentlich war hier alles perfekt: Feldbedingungen und Wetter stimmten, und auch eine größere Menge von Keramik auf der Oberfläche ließ keinen Zweifel aufkommen: Hier handelt es sich um einen archäologischen Fundplatz. Einige Hektar harter Arbeit später war aber auch klar: Außer ein paar Grubenresten hat die Hangerosion nichts übrig gelassen. Warum siedeln die Cucuteni-Leute auch immer so gerne oben am Hang?



Ein Gräberfeld! Allerdings aus dem 19. Jahrhundert…
Der nächste Fundplatz Târgu Neamţ „Paraul Ursului“ zeigt, dass die Arbeiten während der Feldpraktika der UFG-FAU nicht allein auf Prähistorische Zeitstellungen begrenzt sind. In Kooperation mit Dr. Vasile Diaconu vom Museum in Târgu Neamţ, einer Außenstelle des Nationalen Museumskomplexes Neamţ, wurde einem Hinweis auf einen mutmaßlichen deutschen, katholischen Friedhof außerhalb von Târgu Neamţ nachgegangen. Eine Landkarte von Oswald Karl aus der Mitte des 19. Jahrhunderts verzeichnete einen solchen als kleines Rechteck in der Steppe, außerhalb der eigentlichen Stadtgrenzen. Für die Stadt Târgu Neamţ selbst ist die Anwesenheit deutscher Siedler d.h. „siebenbürgener Sachsen“, bereits seit ca. 1200 bekannt, wenngleich nach Informationen der örtilchen katholischen Kirche die meisten Katholihen Ende des 17. Jh. die Region wieder verließen.
Die Spuren aus dieser Zeit verbergen sich heute auf einer mit Rosenbüschen, Tumbleweeds („Ruthenisches Salzkraut“) und allerlei anderen dornigen Vertretern der osteuropäischen Flora bestandenen Fläche. In der Nähe des aus der alten Landkarte übernommenen Ortes gelang es unserem Team aber trozdem, die Überreste eines Friedhofs zu finden! Deutlich zeigt das Magnetogramm das Steinfundament einer 25 m im Quadrat messende Umfassungsmauer. Anomalien im Inneren wiederum weisen auf mindestens 10, wenn nicht mehr mit steinernen Platten abgedeckte Grabstätten hin.



Ohne ihn ist alles andere wertlos – der Innendienst!
Während ein Teil des Teams noch im Feld war, erledigten die übrigen Mitglieder eine weitaus wichtigere, wenngleich auch deutlich undankbarere Aufgabe: Es galt, Keramik zu waschen, zu katalogisieren, zu zählen, zu wiegen und schließlich in einer Datenbank zu erfassen. Die Funde waren während der Feldbegehungen im Frühjahr 2024 gesammelt worden und verzögerte Umbaumaßnahmen im Museum von Piatra Neamţ machten es bis dato unmöglich, sie weiter zu bearbeiten. Nun ist die neue Ausstellung endlich fertig und die Räumlichkeiten im Cucuteni-Museum konnten endlich wieder benutzt werden – gerade eben noch rechtzeitig vor Ende des Projektes! Die Fundverteilungen können nun dazu dienen, den geomagnetischen Befunden auch eine zeitliche Einordnung zu geben und erlauben somit hoffentlich eine weitergehende Analyse der Siedlungsprozesse und -dynamiken. Oftmals bleibt verborgen, welche Menge Handarbeit den schönen Computergrafiken vorrausgeht, unsere Studierenden werden dies aber nie mehr vergessen und sie wissen nun, was sie bei den Förderanträgen, die sie dereinst selber stellen und/oder beurteilen werden, als Arbeitszeit für derartige Tätigkeiten einpreisen müssen.





Am Ende ein echtes Ende.
Alle Erfolge und schönen Tage auf den bisherigen Maßnahmen in Rumänien können allerdings nicht darüber hinweg täuschen, dass es für diese Frühjahrskampagne kaum noch gelang, genügend Studierende zu finden. In den Jahren 2025 und 2026 waren bereits die jahrelang üblichen Herbstkampagnen mangels TeilnehmerInnen ausgefallen. Daher wird diese praktische Ausbildungskampagne leider zunächst einmal die letzte ihrer Art gewesen sein. Die Geräteausbildung wird in Zukunft in die normalen Forschungsaktivitäten eingegliedert. Doch es bleibt die Hoffnung, dass es vielleicht irgendwann wieder genügend Studierende gibt, die dem Versprechen nach intensiver Ausbildung an faszinierenden Befunden nicht wiederstehen können. Dann steht der nächsten Ausbildungskampagne nichts mehr im Wege! (C. Mischka)


