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Ur- und Frühgeschichte

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Die Ur- und Frühgeschichte oder Prähistorische Archäologie umfasst die ältesten Teile der Menschheitsgeschichte und reicht von dem Auftreten der frühesten Menschenformen vor mehr als 2,5 Millionen Jahren bis zur Einführung der Schrift. Die hierdurch mögliche Betrachtung sehr langer Zeiträume eröffnet einen besonderen Blickwinkel auf die Entwicklung menschlicher Gesellschaften, ihrer wirtschaftlichen und sozialen Organisationsformen sowie ihrer künstlerischen und religiösen Vorstellungen. Da sie also definitionsgemäß schriftlose Gesellschaften erforscht, ist die Prähistorische Archäologie in besonderem Maße auf Erkenntnisse durch Ausgrabungen und die Analyse der materiellen Kultur angewiesen um Licht auf das Leben der damaligen Menschen zu werfen. Hier spielen neben den geborgenen Gegenständen selbst besonders auch die Fundzusammenhänge eine entscheidende Rolle. Die Bandbreite reicht von einfachen Steinwerkzeugen an kaum strukturierten Lagerplätzen der Frühmenschen vor mehr als 2,5 Millionen Jahren bis hin zu variantenreichen Keramiken und Metallobjekten in Gräbern, Siedlungen und Befestigungen, die in späten Abschnitten der Ur- und Frühgeschichte als kulturelles Mosaik in der Nachbarschaft von Hochkulturen existiert haben.

Die ältere Urgeschichte (Lehrstuhl Prof. Dr. Thorsten Uthmeier) beschäftigt sich dabei mit umherziehenden Gruppen von Jägern und Sammlern, die Europa während mehr als 1 Millionen Jahre durchstreiften und dabei unter sehr unterschiedlichen Bedingungen lebten. Eiszeiten mit weiten, baumlosen Mammutsteppen wechselten mit Warmzeiten, in denen sich ausgedehnte Wälder ausbreiteten. Die frühsten Spuren menschlicher Besiedlung hinterließ der Homo erectus in Europa. Auf ihn folgte der Homo sapiens neanderthalensis, der während 300.000 Jahren als erfolgreicher Jäger zahlreiche Fundstellen hinterlassen hat. Aus den dort geborgenen Artefakten lassen sich weitreichende Rückschlüsse auf das technologisches Wissen, die soziale Organisation und die Vorstellungswelt der Neandertaler ziehen. Mit dem Auftreten des Homo sapiens sapiens in Europa verschwindet der Neandertaler. Was genau dazu führte und wie der Wechsel vom Neandertaler zum „Modernen Menschen“ vor etwa 40.000 Jahren vonstatten ging, ist nach wie vor eine der großen Fragen der Archäologie. Einmal angekommen hinterließ Homo sapiens sapiens in Europa beeindruckende Zeugnisse einer reichen Gedankenwelt, wie beispielsweise die ältesten Musikinstrumente, die Franko-Kantabrischen Höhlenmalereien und technologische Innovationen wie die Speerschleuder oder Pfeil und Bogen.

Mit dem Auftreten der ersten Bauern beginnt die jüngere Urgeschichte (Lehrstuhl Prof. Dr. Doris Mischka). Zum ersten Mal werden in Europa dauerhafte Häuser errichtet und die Menschen werden sesshaft. Gleichzeitig nimmt der Einfluss menschlicher Aktivitäten auf Vegetation, Wasserhaushalt und Tierwelt zu. Der mit der neuen Lebensweise einhergehende Anstieg der Bevölkerung erfordert neue Arten des Zusammenlebens und der sozialen Organisation. Erfindungen wie der Pflug oder das Rad sind Meilensteine dieser Epoche. Die Entdeckung der Metallurgie läutet ein neues Zeitalter ein. Der Handel mit Rohstoffen dehnt bestehende Tauschnetzwerke auf eine gesamteuropäische Größe aus und veränderte die Wirtschaftssysteme. Durch zunehmende Unterschiede in Besitz und Status wächst auch die Stratifizierung innerhalb der Gesellschaften. In den wachsenden Siedlungen entstehen Handwerkerviertel und herausgehobene Bauten für eine kleine Elite. Soziale Spannungen und Wirtschaftsinteressen fördern das Auftreten kriegerischer Auseinandersetzungen. Geräte und Waffen aus Bronze und später aus Eisen, Schmuckstücke aus Gold und Importe aus entlegenen Gebieten geben beredtes Zeugnis von diesen Entwicklungen. Wechselnde Bestattungssitten deuten auf Änderungen in Religion und Jenseitsvorstellung hin.

Als besondere Schwerpunkte sowohl der Älteren als auch der Jüngeren Urgeschichte in Erlangen können die Landschaftsarchäologie und die Analyse von Steinartefakten genannt werden. Die Landschaftsarchäologie als Weiterentwicklung der Siedlungsarchäologie betrachtet größere Naturräume und die besiedlungsgeschichtliche Entwicklung unter Berücksichtigung der Quellenlage und der zur Verfügung stehenden Ressourcen in einem solchen Gebiet. Dank der Ur- und Frühgeschichtlichen Sammlung, die mit 200.000 Objekten aus 800 zumeist europäischen Fundorten als eine der größten ihrer Art in Mitteleuropa gelten darf, und einer kleinen Lithothek verfügt das Institut über hervorragende Möglichkeiten Steinartefakte in Bezug auf Rohmaterialien und Gerätemorphologie zu studieren.