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Gradiometerprospektion in Südwestrussland

Archaische Griechen und das antike Reich am kimmerischen Bosporus.

Seit 2017 kooperiert das Institut für Ur- und Frühgeschichte im Rahmen eines Kooperationsvertrages mit der Eurasien-Abteilung des DAI als Teil des Projektes „Antike Besiedlungsgeschichte der Taman‘ Halbinsel“ (Projektleitung: Dr. Udo Schlotzhauer)

. Schwerpunkt dieses Projektes ist eine Landschaftsarchäologische Erforschung der Besiedlung dieser Halbinsel seit der archaischen Epoche Greichenlands (ca. 800-500 v. Chr.). Damals bestand die Region zwischen dem Schwarzen und dem Asowschen Meer aus zahlreichen Inseln (sog. „kimmerischer Bosporus), auf denen griechische Siedler neue Hafenstädte als Kolonien ihrer Mutterstädte gründeten. Es folgte ein intensiver Kontakt mit den „Steppenvölkern“ der osteuropäischen Ebenen sowie ab dem 5. Jh. v. Chr. die Bildung eines eigene Königreiches, des Bosporanischen Reiches, das (zuletzt als Vasall Roms) zumindest bis in das 4. Jh. n. Chr. überdauerte. Die meisten der ehemaligen griechischen Hafenstädte wurden aufgegeben, als Sedimente des Flusses Kuban große Bereiche des Meeres in Schwemmland verwandelten und die Städte vom Meer abtrennten. Viele dieser Städte wurden seitdem nicht wieder besiedelt, was zu teilweise außergewöhnlich guten Erhaltungsbedingungen der antiken Siedlungen geführt hat.

Was bisher geschah:

Frühjahr 2017: Vorauskampagne

Frühjahr 2018: Erste Feldkampagne mit Messungen in Krasnyy okttyabr und Semibratnee

Sommer 2019: Zweite Feldkampagne mit Messungen in Semibratnee und Blagoveshchenskaya

Frühjahr 2018 – Griechische Kolonien am Meer und Kurgane im Kaukasus

Nachdem im letzten Frühjahr die Arbeiten im Rahmen der Kooperation des UFG-Institutes mit der Eurasien-Abteilung des DAI noch an Zollformalitäten scheiterte, konnten dieses Frühjahr erfolgreich die ersten gemeinsamen Gradiometerprospektionen auf der Taman-Halbinsel sowie im Kaukasusvorland durchgeführt werden. Für die UFG-FAU waren Dr. C. Mischka und G. Schafferer M.A vor Ort, die Eurasienabteilung wurde von Dr. U. Schlotzhauer vertreten. Zudem unterstützten A. Kamyshanov (Lomonosov-Univerität, Moskau) und A. Kudryashova (FU Berlin), sowie Dr. J. Kelterbaum (Universität zu Köln) die Messungen.

Der erste Teil der Forschungen erfolgte in Kooperation mit dem Staatlichen Historischen Museum Moskau, vertreten durch Dr. D. Zhuralev. Ziel waren die zwei griechische Kolonien „Krasnyy oktyabr‚“ („Roter Oktober“) und „Semibratnee“ (griech.: Labrys) aus dem 6. Jhd. v. Chr., auf der Taman-Halbinsel, in der Nähe des bekannten Fundplatzes Phanagoria. Während in „Krasnyy oktyabr’“ die Gradiometerbegehungen keine verwertbaren Ergebnisse erbrachten, konnten für Semibratnee nicht nur die Befestigungsanlagen, sondern auch zahlreiche Gebäudebefunde innerhalb und vereinzelt auch außerhalb der Stadtmauern nachgewiesen werden.

Der zweite Teil der Arbeiten erfolgte in Kooperation mit Dr. N. Shishlina (Staatlich Historischen Museum Moskau) und Dr. V. Trifonov (Russ. Akademie der Wissenschaften). Ziel war ein Kurgan der Maikop-Kultur bei Novosvobodnaya, ca. 50 km südöstlich von Maikop, in den ersten Ausläufern des Kaukasus gelegen. Leider scheiterte der Versuch, mit dem zur Verfügung stehenden Gerät die vermutete (und von zahlreichen benachbarten Kurganen bekannte) megalithische Grabkammer zu lokalisieren. Die zukünftige Zusammenarbeit wird sich daher auf die Fundplätze auf der Taman-Halbinsel konzentrieren.

Sommer 2019 – Zurück auf der Taman-Halbinsel

Von Küste zu Küste – Erste Ergebnisse der Prospektionen in Russland 2019

21.09.2019: Seit Montag ist wieder ein Team der FAU-UFG auf der Taman-Halbinsel in Südwestrussland im Einsatz. Die gesamte Arbeitsgruppe vor Ort besteht aus Dr. C. Mischka, G. Schafferer M.A. und I. Tasimova BA (UFG-FAU), Dr. U. Schlotzhauer (DAI) und A. Kamyshanov BA (Lomonosov-Univerität, Moskau). Wie schon im Vorjahr ist das Ziel der in Kooperation mit der Eurasien-Abteilung des DAI und Dr. D. Zhuralev vom Staatlichen Historischen Museum Moskau durchgeführten Gradiometerprospektionen die Untersuchung früher griechischer Kolonien am kimmerischen Bosporus, zwischen dem Schwarzen und dem Asowschen Meer. Zwei Siedlungen stehen im Fokus der diesjährigen Kampagne, und von beiden liegen nach der ersten Woche teils spektakuläre, neue Ergebnisse vor.

Anreise mit Hindernissen

Kleinere Probleme bereiteten dem Team in diesem Jahr zunächst die Anreise zum Projektgebiet. Zwar sind Magnetik- und DGPS-Ausrüstung gerade eben noch per Sperrgepäck lufttransportfähig, neue Sicherheitsrichtlinien führten allerdings dazu, dass die größeren Batterien nicht mitfliegen durften und in einem  Sondemüllbehälter des Berliner Flughafens zurückbleiben mussten. Glücklicherweise war das passende Werkzeug mit dabei, um nach der Ankunft in Russland (und dem Neukauf zweier Batterien in einem Fahrradgeschäft) die Geräte wieder einsatzfähig zu machen – wenngleich auch etwas Improvisation und handwerkliches Geschick nötig war.

Erdwerke und Grubenhäuser – Eine Siedlung zwischen den Meeren

Zunächst wurden erste Messungen auf dem Fundplatz „Blagoveshchenskaya 4“ vorgenommen. Dabei handelt es sich um eine ehemalige Insel im schwarzen Meer. Luftbild- und Begehungsfunden zu Folge bestand hier die Hoffnung, eine bisher noch unbekannte archaische Siedlung zu finden. Tatsächlich zeigen sich im Magnetikbefund auch Befestigungs- und Siedlungsspuren. Allerdings sind das angetroffene doppelte Grabenwerk und die Grubenhausbefunde nicht sicher einer bestimmten Epoche zuzuweisen, hier muss noch intensiver weitergeforscht werden.

Zurück in Labrys

Nach den Testmessungen in Blagoveshchenskaya wurden die Arbeiten in Semibratnee weitergeführt. Das Zentrum und Teile der Stadtmauer dieser in antiker Zeit als Labrys bezeichneten Stadt waren schon im letzte Jahr prospektiert worden. Nun werden die Außenbereiche untersucht und es zeigt sich schon, dass die Stadtbefestigungen teilweise deutlich komplexer waren, als bisher angenommen. So war der eigentlichen Stadtmauer und dem Graben beispielsweise in
ca. 40 m noch ein weitere Graben vorgelagert. Auch die spätere Erweiterung der Stadtbefestigung im Süden der Stadt scheint deutlich größer zu sein, als bisher angenommen. Massive Gräben und komplexe Steingebäude wurden hier gefunden. Da auch noch die Areale jenseits des Mauerringes beprobt werden müssen – hier zeigten sich im letzten Jahr überraschend weitere Steingebäude – sieht es also so aus, als würde die restliche Kampagne sich auf Semibratnee konzentrieren.
(Carsten Mischka)

Überraschungen in Labrys – Rückkehr des Russland-Teams aber doch kein Ende in Sicht

30.09.2019: Viele Kilometer mit dem Magnetikgerät und einige tausend Kilometer Rückreise samt Zollformalitäten an der EU-Außengrenze liegen hinter dem Team der Taman 2019-Maßnahme. Die letzte Woche brachte das Ende des Sommers auch in Südwestrussland, aber auch noch einmal viele Hektar Prospektionsfläche in Semibratnee, dem antiken Labrys. Dabei brachte jeder Tag neue, teilweise völlig unerwartete Ergebnisse. So konnte nachgewiesen werden, dass die Stadt mutmaßlich im 1. Jh. v. Chr. deutlich größer war, als bisher selbst anhand der Ergebnisse der letzten Wochen anzunehmen war. Die bereits bekannte Erweiterung der archaischen Stadtbefestigung Befestigung stellte sich lediglich als Zitadelle heraus, so man mit militärischen Begrifflichkeiten operieren will. Umgeben wird die gesamte Anlage von einem der Zitadelle in Stärke nicht nachstehenden Grabenanlage, deren volle Ausdehnung auch nach tagelanger Arbeit nicht erfasst werden konnte. Eine Größe von mindestens als 12 Hektar für diesen äußeren Befestigungsbereich ist nun gesichert.

Stadt, Handelsposten oder beides?

Interessant ist, dass es Labrys trotz der massiven Umwehrung an klar erkennbarer militärischer Infrastruktur zu mangeln scheint. Der mit 55×75 m größte Gebäudekomplex in der „Zitadelle“ entspricht im neuen Magnetogramm klar erkennbar eher einer römischen Raststation (mansio), und die aufgelockerte Bebauung im im äußeren Befestigungsring sowie die teilweise gut erkennbaren Straßen lassen eher an eine weitläufige Station für Handelskarawanen denken. Dies alles macht klar, dass nun nicht nur Oberflächenbegehungen und Grabungen zur Erhöhung der chronologischen Eindringtiefe notwendig sind – nein, es ist wohl auch unumgänglich, die Gradiometerprospektion im nächsten Jahr weiterzuführen, um die räumliche Struktur komplett zu erfassen. Die Ausbildung geeigneter Erlangener Studierender für die nächste Kampagne läuft bereits… (Carsten Mischka)