Raufen, Riffeln, Rösten: Internationaler Workshop zu prähistorischen Textilien am Federsee vom 24.-30.8.2021

Gruppenbild der Workshopteilnehmer*innen.
Gruppenbild der Workshopteilnehmer*innen.

Seit Dienstag, 24.8.2021 haben sich 12 Studierende, zwei Forscher*innen aus Georgien und eine Textilspezialistin aus Litauen im Federseemuseum Bad Buchau zusammengefunden, um sich mit prähistorischen Textilien auseinanderzusetzen.
Eigentlich hätte der Workshop schon im Sommer 2020 stattfinden sollen, aber aufgrund der Pandemie musste er auf die allerletzte Projektwoche im BMBF-geförderten Thefbo-Projekt verschoben werden. Im Vorfeld fand eine Online-Lehrveranstaltung zum Thema „Archäotechnik: Vom belächelten Zeitvertreib zur musealen Vermittlungsstrategie“ unter der Leitung von Lisa-Maria Rösch von der Professur für Museologie an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg und Sebastian Böhm von der FAU zur Vorbereitung der Veranstaltung statt.
Gastgeber und Mit-Organisator war das Federseemuseum in Bad Buchau. Zum Kennenlernen in lockerer Atmosphäre fand nach der Anreise ein Grillabend im Freilichtbereich des Museums zwischen den Nachbauten neolithischer und bronzezeitlicher Pfahlbauhäuser statt.

Fasergewinnung aus Lein (Flachs)

Nach der Übernachtung in der Federseestation des Lehrstuhls für Vergleichende Zoologie der Universität Tübingen ging es am nächsten Tag dann gleich zur Sache. Lisa-Maria Rösch vom Federseemuseum gewährte uns einen Rundgang durch die Ausstellung mit speziellem Fokus auf das Ausstellungskonzept und die Befunde und Funde. Außerdem sahen wir uns die Wanderausstellung des Thefbo-Projekts an, die zur Zeit im Federseemuseum zu sehen ist. Dann ging es wieder nach draußen, wo uns Regina Lutz an das Thema Leinen heranführte. Sie bewirtschaftet in der Nähe des Museums beim Fundplatz Alleshausen-Grundwiesen, an dem im frühen 3. Jt. v. Chr. Flachs verarbeitet wurde, eigene Leinenfelder. Nachdem der Unterschied zwischen Öl- und Faserlein demonstriert und alle Schritte vom Anbau über die Aufbereitung bis hin zur Verarbeitung der gewonnenen Fasern an Beispielen nachvollzogen wurden, konnten die Teilnehmer*innen selbst Hand anlegen: Raufen, Riffeln, Rösten, Brechen, Schwingen, Hecheln, Glätten oder Ribben und Spinnen – und auch noch die Gewinnung der Samen mussten durchlaufen werden.
Einige O-Töne von den Teilnehmer*innen: „Es dauert lange und man braucht Geduld“; „es bleibt wenig übrig“; „die einzelnen Schritte sind leicht zu erlernen“, „die Leinproduktion ist wenig spontan: Anbau und Ernte verlangen Zeit, das Rösten dauert ebenfalls bis zu mehreren Wochen und die Verarbeitung auch“; „es ist faszinierend, dass die Fasern umso feiner werden, je länger sie lagern. 100 Jahre alter Lein ist besonders weich“; „die gewonnenen Fasern sind sehr lang und unglaublich reißfest“; „der Respekt für handwerkliche Tätigkeiten dieser Art ist im Laufe der Stunden und folgenden Tage sehr gestiegen“.
In der Mittagspause wurden wir im Außengelände mit Eintopf versorgt. Anschließend konnten wir eine aktuell laufende Feuchtbodengrabung am Rande von Bad Buchau besichtigen, um ein Verständnis dafür zu bekommen, unter welchen Umständen die prähistorischen Textilfunde entdeckt werden können.
Nach dem Abendessen im Quartier wurde der Tag noch mit einem Spaziergang zum Federsee über den Moorwanderweg mit einem Kaltgetränk unter dem orange aufgehenden Mond abgerundet.

Weben, Spinnen, Zwirnen und Rindengefäßproduktion

Am Donnerstag wurde die Gruppe aufgeteilt: Die gelernte Weberin Hildegard Igel betreute Team 1: Aufgabe war das Weben von Pfahlbaurips aus Leinenfäden. Am Nachmittag kam dann noch das Spinnen mit der Spindel dazu. Die Teilnehmer*innen konnten das Spinnen von Wolle und von Leinen ausprobieren. Team 2 beschäftigte sich währenddessen mit Lindenbast, den wir vor zwei Jahren im Rahmen einer studentischen Übung geerntet und hergestellt hatten. Bettina Reike weihte die Teilnehmer*innen in die Technik des Schnürezwirnens ein. Anschließend bestand die Aufgabe darin, die Dolchescheide der 1991 entdeckten Gletscherleiche aus den Ötztaler Alpen, nachzubauen.
Virginija Rimkuté führte am Nachmittag Team 3 noch in die Herstellung von Rindengefäßen ein. Die Schwierigkeit besteht in der Durchlochung der Rinde, ohne dass sie reißt.

O-Töne: „Es war sehr anstrengend, man musste sich stark konzentrieren, aber am Ende des Tages war man froh, dass man ein fertiges Werkstück in der Hand hatte“; „es ist alles Übungssache“, „Ich fand es überraschend, wie viel Vorbereitung beim Weben nötig war, bis man erstmal anfangen konnte und wie langsam es voran ging. Ich habe gerade mal 15 cm geschafft (1 cm breites Band)“; „Ich finde es krass, wie viel Know-How da drin steckt und dass Frau Igel sich erstmal über Jahrzehnte aneignen müssten, wie es funktioniert haben könnte“; „Rinde mit Feuersteinwerkzeugen zu schneiden ist viel aufwendiger als mit einem modernen Eisenmesser“.

Zwischendurch hatten die Teilnehmer*innen Gelegenheit eine Runde unter dem Federseemuseum auf dem Einbaum zurückzulegen.

 

Exkursion: Heuneburg und Campus Galli oder Grabung, Museum, Fundplatz und „Living History“

Am Freitag erkundeten wir die Umgebung und fuhren mit dem Bus bis zur Heuneburg. Auf der aktuellen Grabung am Rande der Außensiedlung bekamen wir Führungen von Dirk Krausse und Herrn Heilmann vom Landesdenkmalamt Baden-Württemberg. Das befestigte Plateau der ältereisenzeitlichen Heuneburg aus der Zeit von 620-450 v. Chr. mit dem Teilnachbau der berühmten Lehmziegelmauer ist ein Fundplatz, den jeder Ur- und Frühgeschichtsstudierende einmal besucht haben sollte. Danach stand das Keltenmuseum Heuneburg mit einigen Originalfunden von der Heuneburg auf dem Programm. Von dort fuhren wir noch zu einem in Deutschland recht neuartigen Projekt: Weniger als archäologisches oder bauhistorisches Freilichtmuseum als eher als eine Art „Living History“ im Großformat zu bezeichnen ist die Anlage von „Campus Galli – karolingische Klosterstadt Meßkirch“. Archäotechniker, moderne Handwerker und Laien setzen den sogenannten „St. Galler Klosterplan“ – einen nie realisierten Ideal-Bauplan für eine Klosterstadt aus dem 9. Jh. n. Chr. um. Dabei versuchen sie alte Techniken zu imitieren. Die Besucher können anstelle von Postern o.ä. den Bauleuten zusehen und diese auch zu ihren Tätigkeiten befragen. Der volle Parkplatz lässt erahnen, dass das Angebot gerne angenommen wird. Wir sind auch fasziniert, aber auch skeptisch aufgrund der teilweise nur geringen Anbindung an tatsächliche Befunde und Funde bzw. die fehlende Vermittlung des aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstands vor Ort.

Museumsarbeit – die erste „eigene“ Öffentlichkeitsarbeit

Nach einem freien Tag am Samstag wurde am Sonntag das Erlernte im musealen Kontext unter Echtbedingungen ausprobiert. Je ein Stand zum Thema Leinen, Bast, Weben und Rindengefäßherstellung wurden ausschließlich von den Studierenden betreut. Trotz des Dauerregens kamen mehr Besucher*innen als aufgrund des schlechten Wetters zunächst befürchtet. Zum Teil waren einige sogar extra wegen dieser Veranstaltung angereist! Hier zeigt sich, dass alte Handwerkstechnik auch heute noch auf großes Interesse stößt. Die Teams waren jedenfalls mit ihrer „Wassertaufe“ im Bereich Öffentlichkeitsarbeit und Vermittlung zufrieden. Ein nächstes kleines Projekt ähnlicher Art ist bereits angedacht….

Wir bedanken uns bei allen Beteiligten und Unterstützern ganz besonders beim BMBF für die finanzielle Unterstützung und beim Team des Federseemuseums für den schönen und äußerst lehrreichen Aufenthalt!

D. Mischka und Team